Kinder/

Berlin

 

Ich habe eine Fahrradtour gemacht / gelacht und gesagt ich habe doch nur so getan / Ich wollte doch niemals so werden wie sie in ihren vermoderten Einfamilienhäusern / den Traum der Einfallslosigkeit träumend / Wo ist meine Gelassenheit / mit der ich sie alle verachtet habe / meine Gewissheit es nie so weit kommen zu lassen

Ich wollte die Welt retten / hatte den Plan schon vor allen anderen / Nun schwimme ich zwischen Schollen aus erschossenem Land / Sammle ausgebeutete Worte / mache Fahrradtouren / an Orte die es bald nie gab / ich warte

Manchmal halte ich es nicht mehr aus / Dann schaue ich nachts meiner Mutter beim atmen zu / Manchmal wünsche ich mir auch so zu atmen / den Tag einfach fort

Mama du hast mir nicht nur das Leben / sondern auch den Tod geschenkt / Ich trag ihn jeden Tag mit mir rum / Schleif ihn mit einer Hand unbedacht am Boden entlang / Wie ein Kuscheltier zum dritten Geburtstag

Mama / ich will kein Kind bleiben / Die Welt ist so voller Kinder / die blindvoll nur das Lachen verlernt haben

Ist es wahr / was sie sagen, dass die Welt enden wird / irgendwann an einem Tag / der eigentlich Frühling gewesen wäre / Ist es wahr / dass wenn wir fort sind / nie etwas gewesen sein wird / dass es uns / nie / gegeben / haben / wird

 

 

Welche Folgen hat die menschliche Entwicklung und werden wir einst in der Lage sein eine Spezies neu zu erschaffen, für deren Auslöschung wir doch selbst verantwortlich sind? Mit diesem Thema beschäftigt sich das Gedicht „Dodo“ von Silke Scheuermann, das als Ausgangspunkt für den Monatswettbewerb im August des Bundeswettbewerbs für junge Lyrik „Lyrix“ zum Thema „Aber das reicht und nicht“ ausgewählt wurde und mich zu oben stehendem Text inspiriert hat.

Am Meer

Wind streichelt mein Gesicht

wie Mütterhände ein trauriges Kind

ich fühle mich seltsam

das Wetter?

 

Der Tag ist gleißend

alles scheint schärfer als nie zuvor

Gras sticht grün

in meine müden Augen

 

Geblendet und kleine Pupillen

ein Zwinker in Richtung Abend

noch so ein Tag

und ich werde verrückt

 

Dabei immer die Wellen

vor und zurück

das Meer liegt schwer und laut

auf jedem Stück schwarzem Sand

 

Und meine Ohren auf ewig

unhörbar hörend

Ich denke sie mir

manchmal geschlossen

Anblick des Himmels

 

Was siehst du?

Was siehst du, wenn du in diesem Moment die Augen öffnest und den Blick hebst? Siehst du denselben Himmel wie ich? Dieselben Wolkenschlachten und Nebeltheater? Sturmverheißend, sternversprechend, hagelspuckend? Siehst du dasselbe endlose Blau, gleißend, fast schmerzhaft, jenes Blau, das sich mal frei, mal eingezäunt, an manchen Tagen Richtung Horizont in seinen dichten Dampfdecken verirrt und an anderen jede Landschaft aus der Erde schneidet? Siehst du all die Dämmerungen und Morgengrauen, dunstverhangen, geheimnisvoll, den sich anmutig aus den Schatten schälenden Tag? Die Leinwand auf der die Nacht ihre größten Wahrheiten malt? Spürst du das Toben und Ziehen an windigen Tagen, die tiefe Ruhe beim Anblick der Gestirne? Erkennst du wie alles fließt und vergeht, nie genauso wiederkehrt, wie es sich irgendwo im Raum verliert und doch noch da ist?

Erkennst du, dass ich dich liebe?

Mittsommer

Schweigen

im Versuch

taumelnden Vögeln am Himmel

nicht mehr gerecht werden zu müssen



und das ewige Malmen

der Mähmaschinen

bis weit hinter die Dämmerung.



Ansonsten Möwen

der letzte Löwenzahn

verblüht in den Hügeln,

wo Gras über jene Knochen wächst.



verletzt habe ich nur mich selbst 

verletzt habe ich immer nur mich selbst



die Worte sind vorgemalt

die Götter sind tot

die Gebete alt



Ein Seufzer und ein Blick,

der sich aus dem Fenster stürzt.

Odin hätte seine Raben ausgeschickt,

wo Gras über unsere Knochen wachsen wird.